15. Juni 1952. Kurz vor Annies zwölftem Geburtstag will ihr Vater ihre Mutter umbringen – und stürzt damit seine Tochter in einen Abgrund. Fast 50 Jahre später blickt Annie Ernaux zurück auf jenen Junisonntag: Was ist geblieben von diesem erschütternden Akt des Wahnsinns? Und wie bringt man Erinnerungen zu Papier, die als wortloser Schrecken seit jeher unerzählt blieben?
Sorgfältig und voller Entschlossenheit rollt Annie Ernaux den 15. Juni 1952 noch einmal auf. Sie erforscht, wie sich das Erlebte in den Tagen und Jahren danach wie ein Filter zwischen sie und ihr Leben schiebt. Stellt sich der kindlichen Unsicherheit, ob der Mord irgendwann nicht doch geschehen wird – vielleicht während Annie in der Schule ist. Sie blickt auf die fragmentarischen Erinnerungen des Dramas, ringt mit der Bedeutungsleere ihrer Erzählung – und analysiert die unsägliche Scham, die jener Junisonntag in ihre Identität eingeschrieben hat.